Kurze Geschichten

 

"Erzähltes ist gelebtes Leben und ein Kennenlernen anderer Welten."

Ich bin seit vielen Jahren selbständige Nachhilfe- und Sprachlehrerin. Ich durfte dabei viele interessante junge Menschen kennenlernen. Sie konnten nicht nur von mir lernen, sondern auch ich Verschiedenes von ihnen, wofür ich sehr dankbar bin. Wie man sich vorstellen kann, haben sich auch einige lustige Dinge im Unterricht ereignet und darüber handeln meine kurzen Geschichten. Alle hier genannten Namen wurden zur Wahrung der Privatsphäre geändert.


Das Stundenprotokoll

 

 

Heute ist Mittwoch, heute kommt Tina zur Nachhilfe. Tina ist zarte 12 Jahre alt und sehr aufgeschlossen. Sie besucht die Realschule. Normalerweise gebe ich ihr Mathe-und Englischunterricht.

An diesem Tage aber, bat sie mich, ihr Chemie-Stundenprotokoll zu lesen und eventuelle Fehler zu berichtigen.

Vorab sei von mir gesagt: Wer als Fachlehrerin/Fachlehrer tatsächlich wissen möchte, was von seinem Unterricht "hängen geblieben ist", sollte unbedingt ein Stundenprotokoll anfertigen lassen!!! Diese/dieser wird staunen und lernen müssen,was wirklich in einer Teeniewelt wichtig ist und worauf es schließlich und endlich ankommt.

 

Tinas Chemie-Stundenprotokoll lautete folgendermaßen:

Heute sollten wir eigentlich einen Test schreiben, weil die Klasse in der letzten Stunde laut war.Herr Kanter aber hat heute für uns ein Auge zugedrückt und ihn nicht geschrieben. Er sagte aber, dass wir über das Thema noch einen schreiben werden und auch müssen. Aufgeschoben wäre schließlich nicht aufgehoben! Alle in der Klasse waren ganz still.

Die Stunde ging über die Dichte von Stoffen.

Dann fing Toni an zu schwätzen, worauf Herr Kanter sauer wurde und so muss jetzt Toni ein Stundenprotokoll schreiben. Ich weiß gar nicht, wie das gekommen ist: Auf einmal redete ich mit meiner Nachbarin. Auch dies bemerkte unser Lehrer und er -nicht sonderlich begeistert- forderte uns auf, damit unverzüglich aufzuhören und sagte uns, dass wir nun auch ein Stundenprotokoll anfertigen müssen! Irgendwann war dann die Stunde zu Ende!

 

Verdutzt über dieses Stundenprotokoll sagte ich zu Tina, dass ein Stundenprotokoll dazu da sei, das aufzuschreiben, was in der Chemiestunde als Thema unterrichtet wurde. Also in diesem Fall wäre es sinnvoll aufzuzählen, welche Stoffe besprochen wurden und zu erwähnen, welche Dichte sie haben und wie  sich diese voneinander unterscheiden. Ich machte Tina darauf aufmerksam, dass sie nur einen Satz diesbezüglich aufgeschrieben hätte und der Rest des Protokolls eigentlich nur beschreibt, wie es dazu gekommen ist, dass sie mit zwei weiteren Klassenkameraden ein Stundenprotokoll schreiben muss. Sie könnte auch ein leeres Blatt Papier abgeben! Das wäre bezüglich der stattgefundenen Chemiestunde und deren Inhalt genauso aufschlussreich.

 

"Nee", bemerkte Tina ganz entschieden, "...wenn wir ein leeres Blatt abjeben, dann müssen wir am Freitach Nachmittach nachsitzen. Dazu habe ich wirklich keine Lust! Ich jeb` dat jetzt so ab! Hauptsache, ich hab` wat jeschrieben.... außerdem wird dat eh nisch bewertet...."

 

Nachdem ich nicht wenige Rechtschreibfehler berichtigt hatte, war das Thema für Tina abgehakt. Was soll ich sagen... : Ich ließ es dabei :0)

 


Ein Traum wird wahr

 

Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten. Eine dieser Geschichten ist die von Jan. Jan lernte ich kennen, als er Schüler auf einer Gesamtschule war und dort die 8. Klasse besuchte. Ich war noch Studentin und verdiente mein Geld unter anderem mit Nachhilfeunterricht. Eines Tages erhielt ich einen Anruf einer etwas verzweifelten Mutter. Es war die Mutter von Jan. Jan hatte bereits mehrere Nachhilfelehrerinnen/Nachhilfelehrer in seiner noch sehr jungen Schülerlaufbahn gehabt, doch keiner hielt es länger mit ihm aus... Ich hörte mir die Geschichte in Ruhe an und dachte mir, so schlimm kann es ja nicht werden... aber es kam schlimmer! Man muss wissen: Ich gab damals noch nicht lange Unterricht, hatte also noch nicht die große Erfahrung und mein Nervenkostüm war auch noch relativ unverbraucht. Und so ging ich an die neue Herausforderung mit jugendlichem Optimismus heran. Jan sollte von nun an mit mir die Hausaufgaben machen und vor allem Englischunterricht erhalten. Seine Faulheit war schier unendlich, seine Englischkenntnisse waren nicht sonderlich gut: Vokabeln waren nicht sein Ding, Grammatik ein lästiges Gräuel... Kurz und knapp: Englisch war -wie er es nannte- sein absolutes Horrorfach! Die Englischlehrerin war außerdem mega doof, verstand ihn nicht und er hatte keinen Bock mehr nur noch irgendetwas für dieses Fach zu tun. Also sehr gute Bedingungen, um einen vernünftigen Nachhilfeunterricht durchzuführen. Zudem fand er Schule eine absolut sinnlose Institution... Gott, was wird da noch auf mich zukommen! Als ich mit ihm sprach, sagte ich ihm, dass "Schüler sein" nun sein Job sei und dass er versuchen müsse, die Zeit irgendwie zu überstehen. Danach könnte er immer noch schauen,was er machen will und was ihm beruflich Spaß macht. Was er machen wollte, war ihm relativ klar: "Irgendwat mit Computern..." Und da war er wirklich in seinem Element. Überhaupt habe ich die Schulzeit und darüber hinaus seine Lehrjahre überstanden, weil er ein unheimlich sympathischer, hilfsbereiter Kerl war, der das Herz am rechten Fleck hatte. Und das hat mir unheimlich imponiert.

Nun aber zum Englischunterricht:

Heute war wieder so ein Tag, wo ich mich wirklich gefragt habe, wie er es überhaupt, bis zur 8.Klasse geschafft hatte... Als Englischhausaufgabe musste Jan einen kleinen Text mit der Überschrift "My day" verfassen, wo er seinen Tag beschreiben sollte. Ich hatte ihn gebeten, den Text alleine zu schreiben und mir dann bei der nächsten Unterrichtsstunde vorzulegen, denn er brauchte die Hausaufgaben erst für den übernächsten Tag zu machen.

Folgender Text (in gelber Farbe markiert) kam dabei heraus:

 

My Day

I get up at the morning. Then I wash me. After that I go to early piece.--- "Moment mal", sagte ich, "davon abgesehen, dass Du schon ein paar Fehler gemacht hast.... Könntest Du mir bitte erklären, was "early piece" ist?" "Na, ja...", antwortete er mir," dat soll "Frühstück" heißen, iss doch logisch, odaaa? "Early"  für Früh- und "piece" für -stück." Da muss man zuerst einmal darauf kommen... das zeugt von Phantasie.... versuchte ich mir im Hirn das Ganze noch irgendwie positiv zurechtzulegen.... "Aber Jan, Frühstück heißt doch im Englischen "breakfast" !", erwiderte ich. "Ach, jaaaaa! Stimmt! Iss mir ja nisch mehr einjefallen... aber dat kann man doch auch so verstehen, iss doch alles janz easy und loooogisch, odaaa? "Nee eben nisch...", versuchte ich ihm in seiner Sprache dies zu verdeutlichen... "Kein Engländer oder Amerikaner oder ein auf Gottes Erden Englisch sprechender Mensch kann das verstehen! Du musst schon die richtigen Vokabeln anwenden... und wenn Du sie nicht weißt, muss Du sie eben in Deinem Wörterbuch nachschlagen!" "Boahh, nee, dat iss mir zu vieeel... nur für dat blöde Wort "Frühstück" so ne Theater!", entgegnete er mir schon leicht genervt. Wie sollte das nur weiter gehen? Ich war erst beim dritten Satz angekommen...

Also weiter im Text:

...At 7 watch 30 I run to the bus stop because I musst go to the school! ----" Aber Jan, man sagt doch nicht 7 watch 30....!  Das "Watch" ist verkehrt, außerdem: "Must" wird mit nur einem "s " geschrieben und es heißt "I must go to school", das "the" kommt da gar nicht hin....", bemerkte ich und versuchte noch irgendwie meine Nerven zusammenzuhalten... "Boaaah, ehhh! Dat iss ja nervisch... Wir sagen doch auch 7 Uhr 30, odaaa?"

Was soll ich noch sagen, hier gilt der Überlebenssatz: "Bevor ich mich aufrege, isses mir egal !!!!"

Egal konnte es mir nicht sein, das war klar, aber bevor die ganze Sache zum Eskalieren kam, blieb ich weiter ruhig und befasste mich irgendwie weiter mit dem Text, schließlich war ich ja noch nicht sehr weit gekommen...

...I don` t find it good! Their are meny oser things I like to do! And I don` t like Englisch. For me it` s a horror-lesson! But I try my best! Only my teecher don` t see that! But so it´ s life :o) The oser lessons in the school are more or less ok! School is over at one oclock. And I cant wait bevore it is this time.

Then I go home and eat. The afternoon is the best time! I work with my computer.I like computers. And one day when I am big I want to do something with computers.

When it is evening I look TV and at 10 oclock I go to bet.

 

Ich musste trotz all der Fehler innerlich schmunzeln... dieser junge Kerl hatte einfach nichts anderes gemacht, als ehrlich zu beschreiben, wie er seinen Tag erlebte und wie er sich fühlte. Ich fand ihn einfach menschlich toll! Zudem hatte er eigenständig versucht, den Text zu schreiben und das war schon für mich sehr positiv!

Schlussendlich gesagt: Das war eines der vielen Erlebnisse, die ich mit ihm teilen durfte... Ich habe ihn bis zum Ende seiner Schulzeit und seiner Lehre begleitet und heute?

Heute ist er ein erfolgreicher Mann und lebt in den USA. Man kann es kaum glauben bei seinen damaligen Englischkenntnissen!  Er arbeitet im Silicon Valley und macht "wat mit Computern". Ein Traum ist für ihn wahr geworden. Das Leben schreibt doch die herrlichsten Geschichten!

Noch heute haben wir ab und an telefonischen Kontakt und lachen über die gute alte Schulzeit....